Zur Wannseekonferenz am 20. Januar 1942

Das vielleicht  intensivste Stück Aufklärung, das das Deutschlandradio heute zur Erinnerung an die Wannseekonferenz vor genau 70 Jahren leistete, kam wohl ausgerechnet vom O-Ton Adolf Eichmanns. Im Rahmen seines Prozesses hatte der die Abwesenheit irgend eines Anzeichens von Distanz bei den an der Konferenz teilnehmenden Staatssekretären, Polizei- und Reichsbahnfunktionären usw. geschildert.  Einige hätten sogar einen geradezu freudigen Diensteifer an den Tag gelegt.

„Hier war nicht nur eine freudige Zustimmung allseits festzustellen, sondern darüber hinaus ein gänzlich unerwartetes, ich möchte sagen, sie Übertrumpfendes und Überbietendes im Hinblick auf die Forderung zur Endlösung der Judenfrage.“

Quelle: Deutschlandradio vom 20.1.12

Dieser in der gesellschaftiichen Normalität steckende Extremismus, der als stinknormale Anpassungsleistung stinknormaler Menschen an eine zur Volksgesundheitsnormalität werdende  gesellschaftliche Geisteskrankheit zutage tritt, (als „Banalität des Bösen“) beunruhigt – um so mehr, als eine erneute Verbindung von Massenwahnsinn und imperialer Politik mit dem Mittel des Massenmords  nicht für alle Zukunft ausgeschlossen werden kann. Denn wir können nicht wissen, welche Wendungen die „Vorgeschichte der Menschheit“ (Marx)  nimmt, wenn sich Küstenstädte nicht mehr halten lassen, Ernteausfälle sich in Euro (und nicht mehr nur in Cent) bemerkbar machen, der Weltgeldverkehr zusammenbricht, die Meere akut sauer aufzustoßen drohen usw.  Wohin entwickelte sich dann zum Beispiel die „Gemeinwohligkeit“ derjenigen Menschenfreunde, die sich heute so außerordentlich gutmeinend um  „das Bevölkerungswachstum“ sorgen?

Die im Reflektionsvermögen der zur Mitmenschlichkeit drängenden Kräfte leider kaum (noch) präsente Arbeit „Ökonomie der Endlösung“ von .Susanne Heim und Götz Aly hatte  m.E. sehr eindrucksvoll beschrieben, wie Wechselwirkungen zwischen Alltag, Ideologie, Wissenschaft, Verwaltungshandeln (und deren Eigenlogiken bzw. -perspektiven) und Kapitalbedürfnissen zur mörderischen Mischung geraten können. Aly und Heim trugen z.B. Hinweise zusammen, die darauf schließen ließen, dass Nazideutschland einen quasie „wissenschaftlicher Imperialismus“ betrieb und all sein hinterwäldlerischer Irrationalismus Element höchstgradig moderner, rationaler Strategien war.

Mit „Bevölkerungspolitik“ befasste Wissenschaftler hatten etwa über Bedingungen einer effizienten Industrieentwicklung geforscht, und waren zu dem Ergebnis gekommen, dass diese die Abnahme der Bevölkerungsdichte voraussetzt, d.h. die optimale Entwicklung einer effizienten Industrie nach Entledigung von – durch eben die industrielle Entwicklung – „überflüssig“ gewordenen Essern verlangt. So hätten die Auswanderungsströme des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts aus Europa dessen Entwicklung entschieden voran getrieben, was in den USA wiederum die Siedlungsbewegung und die damit verbundene „Dezimierung“ der Urbevölkerung erledigte.

„11 Millionen der Endlösung zuzuführender Juden“ war – dem Protokoll der Wannseekonferenz zufolge – das Plansoll der damals bereits angelaufenen Mordmaschinerie. Der Gedanke, dass dies womöglich als Element einer langfristig angelegten Strategie des wissenschaftlichen Imperialismus gedacht war, (oder sich allmählich dazu entwickelte) dessen Ziel ein einheitlicher europäischer Binnenmarkt deutscher Nation mit einer Unterteilung in Sklaven- und Herrenvölkern war, für dessen „optimale Bevölkerungsdichte und-zusammensetzung“  ein Großteil der einheimischen Bevölkerung in den eroberten Ländern auszurotten sei, scheint so ungeheuerlich, dass – meiner Erinnerung nach – auch Aly und Heim davor zurück geschreckt waren, das in dieser Deutlichkeit zum Ausdruck zu bringen. Dabei legt das, was über den Generalplan Ost bekannt wurde, genau das nahe.

Auch dies ein guter Grund, sich die „Wannseekonferenz“ zu vergegenwärtigen – außer dass dies so oder so ein Gebot der – weiteren – Mitmenschlichkeitswerdung ist.

Gruß hh

Siehe auch den Bericht in der Taz vom 20.1.12:

70 Jahre Wannsee-Konferenz – „Beteiligte Zentralinstanzen“ Die Teilnehmer der Konferenz hatten umzusetzen, was die NS-Spitze um Hitler, Himmler und Göring zuvor beschlossen hatte.

Anm. hh In dem Bericht eingeflochten ist ein Faksimile  des Protoklls der mörderschen Veranstaltung.

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