Ohweh, wieder so ein grassliches Gedicht?

Das fängt schon etwas merwürdig an

„Dem Chaos nah, weil dem Markt nicht gerecht,
bist fern Du dem Land, das die Wiege Dir lieh“

Was mag das für ein Markt sein, der dem Dichter als Maßstab für eine ihm genehme  Ordnung taugt? Und wer das besungene Subjekt?

Zwei Zeilen weiter fällt mir wieder ein, was mir bereits zu Augen gekommen war. Es geht um Griechenland!

„Als Schuldner nackt an den Pranger gestellt, leidet ein Land, dem Dank zu schulden Dir Redensart war.“

Griechenland sei Dank? Ach ja, von Griechenland, sprechen kluge Köpfe als Wiege einer ihnen angenehmen Ordnung, die auf Basis von Marktwirtschaft (zunächst allerdings des Sklavenmarktes) funktioniert und wo es deshalb einigermaßen kultiviert zugeht. Wenn man von Kleinigkeiten wie der Kolonialgeschichte absieht oder besondere Umstände, die etwa aus einem Land der Dichter und Denker eines der Richter und Henker machen:

„Die mit der Waffen Gewalt das inselgesegnete Land
heimgesucht, trugen zur Uniform Hölderlin im Tornister.“

Ok, es geht erneut um den spezifischen Umgang des Literaturnobelreisträgers G. Grass mit den ihm eigentümlichen Schuldgefühlen In diesem Fall musste also gesagt werden, dass auch normalerweise ganz nette und kultiviert lebende Leseratten am Blut- und Bodenrausch Nazideutschlands teil hatten. Was, wenn man so will, der reinen  Idee einer einkaufspadadiesiche Unschuld vermittelnden Vermittlung von Produktion und Konsum (= Marktwirtschaft) nicht gerecht wird. (Andere behaupten allerdings, dass der als gigantischer Raubmord angelegte Feldzug Hitlerdeutschlands nur ein erster Versuch war, Erfolgsbedingungen für eine europäische Marktordnung herzustellen, die der US-amerikanischen Konkurrenz gewachsen sein würde)

Mit dem gescholtenen Land scheint diesmal jedenfalls Deutschland gemeint zu sein, dessen historisches Schuldkonto gegenüber Griechenland  außerdem, wie es eine Zeile später heißt, durch Kumpanei mit der einstigen Militärdiktatur über Griechenland gewachsen war. Und jetzt lagern in Tresoren Deutscher Banken auch noch, wie danach zu erlesen ist,  die Reichtümer, die gut betuchte aber nicht sehr patriotische Griechen außer Landes geschafft hatten.

Und so endet das Gedicht mit einer Warnung an Deutschland, dass es sich mit der Erpressung des „doofen Restes“ Griechenlands (das kein Vermögen hat, das sich ins Ausland transformieren lässt) selbst geisitg abschafft:

„Geistlos verkümmern wirst Du ohne das Land,
dessen Geist Dich, Europa, erdachte.“

Nicht Deutschland? Europa? Egal, jedenfalls ein großer Binnenmarkt der einigermaßen demokratisch für seine gehobene Stellung innerhalb der globalen Ausbeutungsverhältnisse sorgt und sich deshalb in der Tat um die Bindekraft seiner Ursprungsmythen sorgen muss. Angesichts der ansonsten ja leider sehr chouwinistischen Töne gegen Griechenland aber immerhin eine eher zivilitatorische Stimme. Was Grass dichterische  Ausfälle gegen Israel allerdings nicht besser macht.

Und es bleibt auch ein seltsames Gefühl angesichts der Andeutung eines ansich edlen Europas, das sich durch einen  – vermeintlicht – „marktfremden“ Finanzmarktkapitalismus seiner Selbst  entfremdetent hat. Aber lassen wir es mal gut sein …

Das ganze Gedicht gibt es in der SZ vom 25.5.12